Schach // Zwischen Traum und Frustkollaps
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Georg Braun beim Kräftemessen mit Deutschlands Schachprofis
DRESDEN. Vor über einem Jahr konnte ich ziemlich überraschend den größten Erfolg in meiner bisherigen schachlichen Laufbahn feiern. Bei den Deutschen Meisterschaften in München belegte ich im sogenannten Kandidatenturnier den 2. Platz – vor mehreren Großmeistern, vor den talentiertesten deutschen Jugendlichen, sowie unzähligen Meisterspielern, die sich auch über ihre Landesmeisterschaft für dieses Turnier qualifiziert hatten. Mit diesem 2. Platz hatte ich, wie der Sieger Tobias Kügel, einen Startplatz in der Deutschen Meisterklasse 2026 in Dresden ergattert.
Noch nie zuvor hatte ich ein Turnier mit einer solchen Gegnerschaft bestritten. Und höchstwahrscheinlich werde ich auch nie wieder in einem derart stark besetzten Turnier mitspielen. Für die Meisterklasse vorqualifiziert sind die stärksten Spieler Deutschlands. Das heißt insbesondere die aktuellen Spieler der Nationalmannschaft, die alle Schachprofis sind. Aber auch Spieler, die früher schon für die deutsche Nationalmannschaft gespielt haben, oder bereits so gut sind, dass sie es wahrscheinlich in wenigen Jahren werden.
Die Überforderung begann für mich mit der Vorbereitung auf das Turnier. Ich bin seit ungefähr 15 Jahren Autodidakt ohne Trainer. Für mich war und ist Schach immer nur ein Hobby. Im Vergleich zu meinen Gegnern in Dresden mangelt es mir so nicht nur an Spielstärke, sondern auch an Spielpraxis, Wettkampferfahrungen und jahrelanger intensiver Beschäftigung mit Endspiel- und Eröffnungstheorie. Obwohl es nicht möglich ist, einen solchen Rückstand innerhalb eines Jahres nachzuholen, habe ich in den letzten Monaten doch fast meine gesamte Freizeit dafür geopfert, irgendwie auf Dresden vorbereitet zu sein. Für mich ein Ding der Unmöglichkeit, auch weil im heutigen Informationszeitalter täglich neue Ideen gefunden werden und sich immer mehr Eröffnungsvarianten bis zum Remis im Endspiel ausanalysieren lassen. Wenigstens war ich clever genug, mir vor Dresden Unterstützung von einem Trainer einzukaufen, von dessen Erfahrung und Eröffnungskenntnissen ich stark profitierte.
Ein Teil meiner Vorbereitung war auch psychologischer Natur. Im schlimmsten Fall, das war mir, aber auch dem einen oder anderen meiner Schachfreunde klar, drohten mir in diesem Feld 9 Niederlagen in Folge. Auch als der deutsche Schach-Superstar Vincent Keymer und der diesjährige WM-Kandidat Matthias Blübaum ihre Teilnahme für Dresden absagten, ging mir dieser schlimmste Fall noch nicht aus dem Kopf. Es rückten zwar Spieler nach, die im Vergleich zu Vincent oder Matthias nominell deutlich schwächer sind, aber eben trotzdem noch besser als ich.
Am Anreisetag entpuppte sich ein ursprünglich als technische Besprechung angekündigtes Treffen zu meiner Überraschung als eine feierliche Auftaktveranstaltung im goldenen Rathaus. Immerhin war ich nicht als einziger Teilnehmer der Meisterklasse verpeilt oder unorganisiert und so konnte ich mir mit zwei zukünftigen Gegnern ein Taxi teilen, um gerade noch rechtzeitig im Rathaus anzukommen. Leider bekam ich wieder einmal fünfmal Schwarz und nur viermal Weiß zugelost. Besonders Doppelschwarz in den Runden 7 und 8 bereitete mir Bauchweh.
In der 1. Runde des Turniers – für mich das erste Turnier mit Dresscode – spielte ich gegen Bennet Hagner. Bennet ist einer der stärksten deutschen Nachwuchsspieler. Er erzählte mir nach der Partie, dass er sich vor dem Turnier keine Sekunde lang auf seine Gegner vorbereiten konnte. Zum einen, weil er kurzfristig in die Meisterklasse nachgerückt war. Zum anderen, weil er zu diesem Zeitpunkt bereits entschieden hatte, ein Turnier in Spanien zu bestreiten, das erst unmittelbar vor dem Turnier in Dresden zu Ende ging. Ich versuchte, Bennet mit einer vorbereiteten Gemeinheit in der Eröffnung ins Schwitzen zu bringen, aber er blieb cool und behielt die Kontrolle über die Stellung. Es ergab sich ein Schwerfiguren-Endspiel, in dem sich meine begrenzte Spielpraxis bemerkbar machte. Ich agierte zu passiv und kam in die Zeitnotphase mit weniger Bedenkzeit auf der Uhr als Bennet. Dann übersah ich in einer taktischen Kombination einen Zwischenzug, der mich die Partie kostete. Vor einem Jahr in München hatte ich in meiner Partie gegen Bennet noch die Oberhand und in der Schlussrunde eine chancenreiche Stellung nur Remis gegeben, um mir den 2. Platz zu sichern. Innerhalb eines Jahres hatte sich das Kräfteverhältnis zwischen uns auf dem Schachbrett komplett gedreht.
In Runde 2 wurde ich mit Weiß in der Eröffnung von Dmitrij Kollars überrascht. Im Gegensatz zu Bennet reagierte ich aber schlecht und wich bewusst von der mir bekannten Eröffnungstheorie ab, sodass ich im Mittelspiel dann komplett überspielt wurde. Nach einem Bauerneinsteller meinerseits war die Stellung dann derart katastrophal, dass ich mich bereits entschieden hatte, nach dem nächsten Zug von Dmitrij die Partie sofort aufzugeben. Doch genau in diesem Moment hatte er einen unglaublichen Blackout. Statt sich meiner geschwächten Grundreihe zuzuwenden, spielte er einen unscheinbaren Bauernzug. Ein Zug – ein Tempo – und ich war zurück in der Partie, die jetzt objektiv Remis war. Auch wenn ich dieses Remis später noch mit einem ungeheuerlichen Patzer gefährdete, am Ende holte ich meinen ersten halben Punkt! Und obwohl ich seit Jahren nicht mehr derart unverdient ein Remis erreicht hatte, haben mir viele zu dem halben Punkt gratuliert. So auch Elisabeth Pähtz, die stärkste Spielerin Deutschlands, welche vor Ort in Dresden als Kommentatorin im Einsatz war. Sie erklärte mir, dass es psychologisch ein großer Fehler war, in der Eröffnung von meiner normalen Spielweise abzuweichen, nur um Dmitrijs Vorbereitung auszuweichen.
Mit Rückenwind ging es dann für mich in der 3. Runde gegen Niclas Huschenbeth, ebenfalls Schachgroßmeister, aber zugleich einer der erfolgreichsten Schach-Youtuber Deutschlands. Dieses Mal konnte wieder ich in der Eröffnung eine Überraschung landen und erreichte mit Schwarz eine vernünftige Stellung mit diversen Ungleichgewichten. In den Verwicklungen im Mittelspiel fand sich dann aber Niclas besser zurecht und nutzte konsequent die Felderschwächen in meinem Lager aus, die ich schon in der Eröffnung hätte bemerken müssen. Die Stellung war irgendwann zwar objektiv verloren, aber ich kämpfte weiter, opferte erst einen Bauern, dann einen zweiten, und schließlich insgesamt eine Qualität, um die Partie am Laufen zu halten. Objektiv blieb meine Position weiterhin verloren, aber ich spielte mit einer Hartnäckigkeit, die Niclas an den Rand der Verzweiflung brachte und mit nur noch einer Minute Bedenkzeit auf der Uhr zurückließ, bei einem Inkrement von nur 30 Sekunden pro Zug. Nach 66 Zügen aber ließ ich dann doch Luft rein. Sechs Züge später hatte Niclas meine Verteidigung gebrochen und seinen Materialvorteil im Mattangriff zum Sieg verwertet. Wenn es etwas gibt, was ich im Schach gut kann, dann ist es, schlechte Stellungen zäh zu verteidigen. Die Niederlage gegen Niclas war schon ziemlich knapp. Für gewöhnlich spiele ich nicht gegen derart hochkarätige Gegner. Selbst gegen Internationale Meister oder schwächere Großmeister halte ich eine Stellung wie in der Partie gegen Niclas noch etwa in der Hälfte der Fälle Remis. Vor einem Jahr in München war mir sogar das Kunststück gelungen, als einziger Spieler im Kandidatenturnier keine Partie zu verlieren, und das trotz unzähligen Verluststellungen. Aber jetzt, hier in Dresden, war die Luft viel dünner für mich.
Auch meine folgende Partie gegen Luis Engel bot einiges an Drama. Gegen seinen Najdorf-Sizilianer hatte ich vor dem Turnier über viele Stunden hinweg eine Variante mit dem Computer ausgetüftelt, die mir mein Eröffnungscoach empfohlen hatte. Eine tiefere Eröffnungsvorbereitung hatte ich noch nie vor einer Schachpartie und doch war es nicht möglich gewesen, auch noch die letzte Abzweigung in dem Variantenkomplex bis zum Remis durch Dauerschach aus zu analysieren. Und genau diese letzte Möglichkeit zauberte dann Luis aufs Brett. Die ersten 20 Züge der Theorieschlacht spielten wir beide a tempo. Ich kannte sogar noch die nächsten drei Züge. Aber Eröffnungsvorteil hatte ich trotzdem nicht und die Stellung blieb sehr zweischneidig. Mit ausgeklügelten Manövern setzte Luis mich unter Druck. Er überließ mir die Bettmitte, navigierte seinen Springer an den Rand und seine Dame auf die eigene Grundreihe, und erzwang so einen Damentausch. Wieder musste ich ein schlechteres Endspiel verteidigen. Den letzten, partieentscheidenden Fehler beging ich im 47. Zug, als ich zwar die richtige Verteidigungsidee wählte, aber in leicht falscher Ausführung. Nach 60 Zügen blieb mir im Leichtfiguren-Endspiel nur noch die Resignation. Nach der Partie erzählte mir Luis, dass er meine Eröffnungsvariante vor dem Turnier noch nicht gekannt hatte, sie aber zufälligerweise zwei Tage zuvor in Dresden bei der Vorbereitung auf einen anderen Gegner entdeckt hatte. Luis lobte mich für meine tiefe Eröffnungsvorbereitung, die mir am Ende aber doch nichts eingebracht hatte. Im Nachhinein ist klar, dass ich noch mehr Stunden in die Analyse der Variante hätte stecken sollen, bevor ich sie gegen einen Najdorf-Experten wie Luis einsetze. Vor der Partie war es mir nicht klar und auch mein Eröffnungscoach fand es unglaublich, dass Luis sich derart gut auskannte. Von allen meinen Niederlagen in Dresden und allen starken Zügen, die ich in Dresden von meinen Gegner vorgesetzt bekam, hat mich nichts mehr beeindruckt als die Manöver von Luis in diesem Mittelspiel, die mich zum Damentausch und damit in eine schlechtere Endspielstellung zwangen.
Mit einem halben Punkt aus vier Partien war meine erste Turnierhälfte ziemlich misslungen, aber hochmotiviert setzte ich mich auch in der 5. Runde ans Brett. Diesmal hieß der Großmeister, der mir gegenüber saß, Dennis Wagner. Obwohl er ein Amateur ist, zählt Dennis zu den besten Spieler Deutschlands. Diesmal ging meine Eröffnung furchtbar schief. In einer unscheinbaren Nebenvariante des Ragozin-Komplex bog ich falsch ab und stand früh positionell bedenklich, wenn nicht sogar auf Verlust. Wieder überraschte mich die Stärke eines gegnerischen Randspringers und schon im Mittelspiel kämpfte ich hartnäckig darum, überhaupt irgendwie zu überleben. Ähnlich wie in meiner Partie gegen Niclas bleib ich zäh und nach unzähligen Klimmzügen meinerseits war ich zurück in der Partie. Es ergab sich ein hochspannendes Leichtfiguren-Endspiel, in welchem ich zwar einen Bauern weniger hatte, dafür mit Läufer gegen Springer aber über die bessere Leichtfigur verfügte. Leider griff ich im 54. Zug fehl und verpasste hier einen Weg zum Remis. Ähnlich wie Niclas hatte Dennis zu diesem Zeitpunkt auch nur noch eine Minute Bedenkzeit übrig, aber genauso wie Niclas gab sich auch Dennis in dieser Situation keine Blöße. Dieses Mal dauerte die Partie 69 Züge, ehe ich mich schließlich geschlagen geben musste.

Somit war ich bei einem halben Punkt aus 5 Partien angelangt. Fester Bestandteil meines Tagesablaufs war inzwischen, mit dem einen oder anderen Schachfreund aus den parallel stattfindenden anderen Meisterschaften abends ein Restaurant aufzusuchen und neben dem Essen auch unsere gespielten Partien und meine Niederlagen ausführlich zu studieren. Für diese mentale Unterstützung bin ich sehr dankbar und an einem Abend gesellte sich mit Dr. Philipp Kaulich ein alter Freund aus Kiel dazu. Mit Philipp wurde ich mit dem SK Bebenhausen einst 5 mal Deutscher Jugendmannschaftsmeister in den Altersklassen U16 und U20. Ach wie einfach war die Jugendzeit!
In Runde 6 hatte ich wieder Weiß und ging erneut hochmotiviert in die Partie. Tatsächlich witterte ich schon in der Vorbereitung, welche Sizilianisch-Variante mir der 18-jährige Großmeister Leonardo Costa an diesem Tag vorsetzen würde. Normalerweise spielt Leonardo nicht den klassischen Sizilianer, sondern nur, wenn er gegen einen deutlich schwächeren Gegner gewinnen muss. Ich entschied mich für den Fischer-Sosin-Angriff. Und dann, zur Verwunderung aller, begann Leonardo in der Eröffnung nach etwa sechs Zügen nachzudenken und zu improvisieren. Was er da am Brett spielte, war objektiv sicher nicht gut, aber es brachte mich komplett aus dem Konzept. Es ergab sich eine sehr ungewöhnliche und extrem zweischneidige Stellung. Im 12. Zug hätte ich meine Dame nach b5 stellen sollen und der Computer hält meine Stellung bereits für gewonnen. Ich entschied mich aber im 13. Zug für den Damenausfall, wonach ich schon schlechter stand und wenig später mit dem König über das ganze Brett gejagt wurde. Nach bereits 24 Zügen war das Matt nicht mehr abzuwehren und ich musste die Partie für verloren erklären. Was für eine surreale Partie! Ein Großmeister, der eine extrem zweischneidige Sizilianisch-Variante wählt, um gegen einen schwachen Gegner auf Sieg zu spielen. Dann, nach 6 Zügen, kennt der Großmeister die Eröffnungstheorie aber nicht mehr und fängt an zu improvisieren. Und damit fegt er mich innerhalb von 24 Zügen vom Brett, wie ich es seit Jahren nicht mehr erlebt habe. Ohne Zweifel mein persönlicher Tiefpunkt im Turnier. Für Leonardo, der die Deutsche Meisterklasse schließlich gewinnen sollte, eine außergewöhnliche und verdammt wichtige Partie.
Vor den zwei anstehenden Schwarzpartien fragte ich meinen Trainer per SMS um Rat. Ich soll logische Züge spielen. Und die restlichen Partien genießen, denn auf mich warten noch die zwei Spieler, die aktuell in der deutschen Nationalmannschaft spielen. Aber bevor es soweit war, ging es erstmal in der 7. Runde gegen Tobias Kügel, den ich aus den deutschen Kandidatenturnieren der letzten Jahre kenne. Unsere umkämpften Partien sind bisher immer im Remis geendet. Es gibt eine Sache, die Tobias und mich von den restlichen Spielern im Teilnehmerfeld unterscheidet. Wir haben beide in unserer Jugend eher bescheidene Einzelerfolge gefeiert, keine Großmeisternormen oder gar Großmeistertitel, wie es bei unseren Gegnern in Dresden der Fall war. Immerhin hat es Tobias im Erwachsenenalter – im Gegensatz zu mir – noch geschafft, Internationaler Meister zu werden. Nach dem Ratschlag meines Trainers verwarf ich in der Vorbereitung gegen Tobias eine Computervariante, die ich seit Jahren schon mal zum Einsatz bringen möchte. Ich suchte in meiner Vorbereitung nicht mehr mit der Engine nach dem jeweils stärksten Zug, sondern immer nach dem Zug, der für mich als Menschen am logischsten war. Als Resultat bekam ich gegen Tobias eine sichere Stellung, wobei er aber wegen dem Läuferpaar einen langfristigen kleinen Vorteil besaß. Überraschend für mich war Tobias an diesem Tag aber friedfertig gestimmt und bald endete die Partie durch eine Zugwiederholung im Remis. Damit hatte sich Tobias den vorletzten Platz gesichert. Zwei Runden vor Schluss war klar, dass ich den letzten Platz belegen würde. Aber immerhin bedeutete das Remis für mich das Ende meiner Serie von Niederlagen.
Weniger vorbereiten, menschliche Züge, möglichst keine Computerzüge. So hielt ich es auch in meiner Vorbereitung für die 8. Runde gegen Großmeister Alexander Donchenko. Die Eröffnungsvarianten, die ich vorbereitet hatte, kamen aber nicht aufs Brett, aber so war es auch für Alexander. Am Brett entschied er sich gegen Nimzo-Indisch für eine sichere Nebenvariante. Ich konnte mich erinnern, was ich hier vor Wochen dagegen analysiert hatte und erreichte schließlich ein Endspiel mit einer zweischneidigen Benoni-Struktur. Hier spielte Alexander an einer Stelle zu verhalten und verlor durch ein Springer-Manöver einen Zug Zeit. Ich ergriff die Initiative am Damenflügel und sicherte mir einen gedeckten Freibauern. Im Gegenzug musste ich eine Bauernschwäche hinnehmen, die Alexander langfristig mit seinen Leichtfiguren belagern wollte. Während meine Bedenkzeit immer knapper wurde und Alexander am Zug war, kam mir ein Gedankenblitz. A Tempo beantwortete ich den nächsten Zug von Alexander mit einem Springerausfall nach h5, der den Abtausch eines Leichtfigurenpaars erzwang, meine Struktur am Königsflügel aber komplett ruinierte. Alexander hatte mit dem Springerzug nach h5 offensichtlich nicht gerechnet, und ich bin mir nicht sicher, ob er auf Anhieb verstand, warum ich diesen Zug spielte. Auch der ein oder andere Zuschauer war schockiert und ein anwesender Internationaler Meister erklärte mir später, er hätte beim Kiebitzen überhaupt nicht verstanden, was ich da tat. Aber an dem Tag, in dieser Endspielstellung, fühlte ich einfach die Initiative und spielte kompromisslos weiter. Ich meisterte auch die anstehende Zeitnotphase, in der ich einen wichtigen Bauern am Damenflügel gewann, und schließlich führte ich mit zwei verbundenen Freibauern das Endspiel zum Sieg. Bei der anschließenden Analyse meiner Partie im Livestream erwähnt Großmeister Klaus Bischoff zu meinem Springerausfall nach h5 eine berühmte Partie des WM-Kampfs 1972 zwischen Spassky und Fischer. Klaus und ich kennen beide diese Partie und wissen, dass der Vergleich zu Fischers Springerzug nach h5 hinkt. Fischer spielte den Zug in einer ganz anderen Stellung und mit ganz anderen Absichten als ich. Aber das war in diesem Moment egal. Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich vor 18 Jahren am gleichen Ort als Zuschauer gespannt der Live-Kommentierung von Klaus gelauscht habe. 2008 fand im Kongresszentrum in Dresden die Schach-Olympiade statt. Als Jugendlicher spielte ich damals in einem der Begleit-Turniere für Amateure mit und das Highlight für mich war die Kommentierung der Meisterpartien durch Klaus. Jetzt, 18 Jahre später, finden zwar nur die Deutschen Meisterschaften in Dresden statt. Aber wieder kommentiert der in Ulm geborene Großmeister Klaus Bischoff die Partien und zumindest in diesem Jahr auch die Partien von mir, FM Georg Braun. Was für ein Moment! Mit dem Sieg gegen Alexander fiel unvorstellbar viel Druck und Frust von mir ab. Mit 2 Punkten war meine Ausbeute in dem Turnier immer noch bescheiden, aber gemessen an meiner Wertungszahl und der Stärke meiner Gegner ungefähr das, was man statistisch erwarten würde. Mein Turnier war gerettet.
In der Schlussrunde spielte ich gegen Rasmus Svane, dessen acht Partien zuvor alle im Remis geendet waren. Aber in der Schlussrunde, gegen den wohl schwächsten Teilnehmer im Feld, wollte Rasmus immer unbedingt gewinnen. So wurde ich erneut von einer Variante im Sizilianer überrascht. Leider hatte ich schon vergessen, was mir Elisabeth Pähtz vor einer Woche über solche Situationen erklärt hatte. Nämlich, dass man in einer solchen Situation die Variante spielen sollte, die man am besten kennt. Am Brett entschied ich mich, eine neue Idee auszuprobieren, die vor gerade mal drei Tagen noch Teil meiner Partievorbereitung gewesen war. Aber ich konnte mich an einer wichtigen Stellung nicht mehr an einen außergewöhnlichen Bauernvorstoß am Damenflügel erinnern. Das erwies sich als großes Problem und in der Folge geriet ich in eine passive Stellung. Rasmus übernahm die Initiative, öffnete die Stellung und in der Zeitnotphase schaffte ich es nicht mehr, meine Verteidigung aufrecht zu erhalten.
Bei der diesjährigen Deutschen Meisterklasse triumphierten die jüngsten Teilnehmer. Neuer Deutscher Meister wurde Leonardo Costa mit 6 Punkten. Den 2. Platz und eine Großmeister-Norm sicherte sich Bennet Hagner mit 5,5 Punkten, vor dem punktgleichen Luis Engel, der in der Schlussrunde eine dramatische Niederlage gegen Donchenko hinnehmen musste. Alle sind gespannt, wie sich Leonardo und Bennet schachlich weiterentwickeln werden. Die Abiturprüfungen im nächsten Jahr werden sie sicher nicht aufhalten.
Nach der Abreise aus Dresden kommt für mich ein harter Bruch. Am nächsten Tag muss ich direkt wieder in Stuttgart arbeiten. Nach diesen elf Tagen Urlaub in Dresden ist das jetzt aber genau das Richtige für mich. In den letzten Tagen habe ich mir sehr viele Gedanken über das extrem harte Leben eines Schachprofis gemacht. Zum Glück bin ich nur ein Amateur. Zum Glück spiele ich nur einmal im Leben in einem solchen Turnier mit. Aber schon sehr bald bin auch ich wieder am Start: Beim Meisterturnier des Württembergischen Schachfestivals in Ostfildern-Ruit.
Vorbericht des Deutschen Schachbundes: „https://www.schachbund.de/news/der-mathematiker-die-meisterklasse-und-eine-riesige-menge-an-daten.html„.
Alle Ergebnisse zur Deutschen Meisterklasse und weiteren Deutschen Meisterschaften: https://s3.chess-results.com/tnr1447809.aspx?lan=25&art=1&SNode=S0
Alle Partien der Deutschen Meisterklasse zum Nachspielen: https://lichess.org/broadcast/german-chess-championship-2026-masters-men/round-1/vBaOuYrN
Der Deutsche Schachgipfel 2026 in Dresden: „https://www.schachgipfel.de/„.
Georg Brauns Siegpartie gegen Großmeister Alexander Donchenko zum Nachspielen: https://lichess.org/broadcast/german-chess-championship-2026-masters-men/round-8/kI8zp01N/LZdwIrLb