Schach // Drama in der Ruiter Sportschule

Drama in der Ruiter Sportschule

Braun spielt beim Viktor-Kortschnoi-Memorial groß auf

OSTFILDERN-RUIT. Eine emotionale Achterbahnfahrt erlebte Bebenhausens Spitzenspieler Dr. Georg Braun beim 2. Viktor-Kortschnoi-Memorial in der Ruiter Sportschule. Das hochkarätig besetzte Einladungsturnier wurde von der Jussupow Schachschule und dem Schachverband-Württemberg mit vielen internationalen Titelträgern ausgetragen. Nachdem Braun lange Zeit die Tabelle anführte und auf bestem Weg zu einer Internationalen Meister-Norm war, verlor er am Ende zwei Schwarzpartien und verpasste somit hauchdünn den nächsten Schritt auf dem Weg zum Titel Internationaler Meister.

In der 1. Runde spielte Braun mit den schwarzen Steinen gegen die schweizerische Frauen-Großmeisterin Lena Georgescu. Wie bereits beim letzten Aufeinandertreffen der beiden in der BW-Oberliga entwickelte sich ein wilder Kampf in der sizilianischen Verteidigung, in der Braun seine Gegnerin klar überspielte. Nach einer heftigen Zeitnotphase, in der Georgescu einen taktischen Trick aus dem Hut zauberte und dadurch wieder zurück in die Partie fand, setzte sich am Ende aber doch die Spielstärke Brauns durch, der in einem Endspiel eine Mehrqualität zum Sieg verwerten konnte.

Angesichts dieses Kraftakts zu Beginn des Turniers ließ es Braun in Runde 2 ruhiger angehen. In dieser Partie musste er gegen den internationalen Meister Magnus Ermitsch aus Kiel antreten, der Braun mit der französischen Verteidigung überraschte. Anstatt sich auf ein zweischneidiges Figurenopfer einzulassen, steuerte Braun in der Folge ein ausgeglichenes Endspiel an, das im Remis endete.

In der 3. Runde spielte Braun gegen den erfahrenen lettischen Großmeister Zigurds Lanka, der für seine Arbeit als Schachtrainer auch in Deutschland bekannt ist. Tatsächlich ging Braun, obwohl nur FIDE-Meister, als nomineller Favorit in diese Partie und wurde dieser Rolle auch gerecht. So wickelte Braun früh in ein vorteilhaftes Endspiel ab, in dem er einen Bauern gewann. Nach einigen Ungenauigkeiten beider Spieler reichte dieser Vorteil zum Sieg.

In der 4. Runde traf Braun auf den Internationalen Meister Gabriel Gaehwiler aus der Schweiz. Erneut wurde Braun in der Eröffnung überrascht, diesmal von der Russischen Verteidigung. Wiederum ergab sich früh ein Endspiel, in dem es Braun aber nicht gelang, seinen Gegner vor Probleme zu stellen und so einigten sich die Spieler bald auf ein Remis.

In Runde 5 spielte Braun gegen den jüngsten Teilnehmer im Feld, den 14-jährigen Alfred Nemitz aus Potsdam, der bereits vor zwei Jahren FIDE-Meister wurde. Wie auch in den drei Runden zuvor wurden früh die Damen getauscht, aber diesmal wurde Braun im Endspiel von seinem Gegner an die Wand gespielt und fuhr eine klare Verluststellung ein. Mehr Glück als Verstand hatte Braun, als sich sein junger Gegner zwischenzeitlich mit einem Bauerngewinn zufrieden gab, anstatt zu versuchen, die Partie direkt zu beenden. Dies erlaubte es Braun, sich in der beidseitigen Zeitnotphase zu befreien und nach weiteren Abenteuern im Turmendspiel schließlich ein äußerst schmeichelhaftes Remis einzufahren.

In der 6. Runde spielte Braun dann gegen den erst 15-jährigen Lukas Dotzer, der bereits Internationaler Meister ist und als größtes Nachwuchstalent Österreichs gilt. Er zählt bereits jetzt zu den 10 besten Spieler seines Landes. Auch in dieser Partie zeigte sich Braun eröffnungstheoretisch nicht bestens präpariert und landete mit Weiß in einem minimal schlechteren Endspiel mit einer geschwächten Bauernstruktur. Hier überschätzte Dotzer aber seine Chancen und vermutlich in dem Glauben direkt den Gewinn forcieren zu können, investierte der Jugendliche fast seine gesamte Bedenkzeit, sodass er bis zur Zeitkontrolle noch 20 Züge absolvieren musste bei gerademal 2 Minuten auf der Uhr und einer Zeitgutschrift von 30 Sekunden pro Zug. Diese Chance ließ sich Braun nicht entgehen und überspielte Dotzer in der Zeitnotphase Schritt für Schritt. Schließlich setzte Braun im 35. Zug zu einer siegbringenden Springergabel an.

Nach sechs Runden hatte Braun somit grandiose 4,5 Punkte aus 6 Partien erzielt und teilte sich die Tabellenführung mit dem polnischen Großmeister Michal Krasenkow, einer Schach-Legende, die vor 25 Jahren zu den TOP 10 der Welt gehörte. Aber trotz des guten Zwischenstands war die IM-Norm noch nicht in trockenen Tüchern. Schließlich musste Braun in den letzten drei Runden noch gegen die drei stärksten Spieler des Felds antreten, drei sehr erfahrene Großmeister mit einer wesentlich höheren Wertungszahl als Braun.

In Runde 7 spielte Braun gegen den österreichischen Nationalspieler Valentin Dragnev. Hier wurde Braun mit Schwarz bereits im vierten Zug von einem Bauernopfer überrascht und landete erneut nach wenigen Zügen in einer etwas schlechteren Endspielstellung. Statt hier langsam seine Figuren zu entwickeln, reagierte Braun aber zu ungeduldig und wollte sich mit einem Leichtfigurentausch entlasten. Diese Ungeduld wurde ihm aber zum Verhängnis und dem Großmeister gelang es, die Stellung zu öffnen und sein Läuferpaar zu aktivieren. In klarer Verluststellung spekulierte Braun noch auf die Zeitnot seines Gegners, der sich aber nicht aus dem Konzept bringen ließ und mit zwei Minuten auf der Uhr ein wunderschönes Mattbild in der Stellung entdeckte.

Immerhin hatte Braun in der 8. Runde die weißen Steine gegen Krasenkow, der ebenfalls seine vorherige Partie verloren hatte. Dieser versuchte mit der Modernen Verteidigung auf Sieg zu spielen und blitzte die ersten 15 Züge, währenddessen Braun bereits die Hälfte seiner Bedenkzeit verbraucht hatte. Aber Braun fand eine solide Aufstellung und behielt die Kontrolle über die Stellung. Nach 32 Zügen war klar, dass keine Seite über sonderlich große Gewinnchancen verfügte und Krasenkow bot Remis, was Braun annahm.

In der Schlussrunde benötigte Braun mit Schwarz noch mindestens ein Remis zur Norm eines Internationalen Meisters. Bei einer Niederlage würde die erforderte Elo-Leistung von 2450 und damit die Norm um gerademal 5 Elo-Punkte verfehlt werden. Mit Alexander Graf hatte Braun aber einen ehemaligen deutschen Meister und langjährigen deutschen Nationalspieler zum Gegner. Dieser hatte bis dahin ein sehr durchwachsenes Turnier hinter sich, zeigte sich aber ausgerechnet in der Schlussrunde ehrgeizig und überspielte Braun in dieser Partie nach Strich und Faden.

Nach einem furiosen Start endete das Turnier somit für Braun tragisch, der nach wie vor zwei Normen für den Titel Internationalen Meisters benötigt. Das Turnier wurde überzeugend von Valentin Dragnev gewonnen, der 6.5 Punkte erzielte. Den zweiten Platz erreichte Michal Krasenkow mit 5.5 Punkten. Den dritten bis sechsten Platz mit jeweils 5 Punkten belegten Ermitsch, Gaehwiler, Dotzer und Braun.

Alle Ergebnisse 2. Viktor-Kortschnoi-Memorial: „https://s3.chess-results.com/tnrWZ.aspx?lan=0&art=2&SNode=S0&tno=1148339

Endstand nach 9 Runden: „https://s2.chess-results.com/tnrWZ.aspx?lan=0&art=1&SNode=S0&tno=1148339“ und „https://s1.chess-results.com/tnrWZ.aspx?lan=0&art=4&SNode=S0&tno=1148339„,

Live-Übertragung der Partien: „https://view.livechesscloud.com/#5fd65fb7-e3f8-4813-8d18-8c990a528b39